Unterwegs erzählte ihr Jinx alles, was er über die Flaschen und die Mäuse am Abend davor herausgefunden hatte.
Die drei Flaschen waren die übrig gebliebenen von insgesamt sieben, die ursprünglich ein Hochzeitsgeschenk für den japanischen Kaiser Katsan waren.
Die Flaschen symbolisierten Fruchtbarkeit und Macht: ihr Besitzer wäre der unangefochtene Herrscher seines Reichs über mehrere Jahrzehnte, vorausgesetzt die Flaschen blieben zusammen.
Jede Flasche war nummeriert und mit der entsprechenden Anzahl von Sternen versehen und mit einem uralten Vers beschriftet.
Die Mäuse gehörten zu der Elite-Garde der kaiserlichen Krieger. Sie hatten den kaiserlichen Eid abgelegt, dass sie dem Kaiser bis zum ihrem Lebensende dienen und ihn beschützen würden. Das taten die Mäuse immer noch, obwohl sie nicht wußten, ob er noch lebte.
Schon vor mehr als einhundert Jahren wurde die Frau des Kaisers in Versuchung gebracht, eine Flasche kurz zu entfernen. Das hatte dafür gesorgt, dass der Kaiser vorübergehend verletzbar war und von Feinden überwältigt werden konnte. Der Kaiser mußte das Land fliehen. Doch unterwegs wurde sein Schiff von einer riesigen Welle getroffen. Die Holzkiste, in der sich die Flaschen befanden wurde beschädigt und über Bord geworfen.
Noch bevor die Geschichte zu Ende war hatte Jinx die Stelle gefunden, wo er die Mäuse am Vorabend gefunden hatte – ein überwachsener Pfad in der Nähe einer Bahnbrücke. Zu sehen waren aber weder Flasche, noch Mäuse.
„Und jetzt?“ fragte Lise Jinx.
„Tja. Ich weiss nicht. Sie haben mir gesagt, ich soll heute noch mit dir und der Flasche zurückkommen. Ich glaube schon, dass sie kommen werden.“
Dann kam eine kleine aber unerwartet tiefe Stimme aus der Dunkelheit.
„Jinx und Lise-san. Wir haben Sie erwartet. Haben Sie die Flasche mit?“
„J-j-j-ja“ stotterte Lise, nervös und etwas kalt.
„Sie brauchen keine Angst vor uns haben. Wir sind Ihnen sehr dankbar. Wir haben sehr viel über Sie gehört.“
„Und ich über Sie. Nur eines habe ich nicht so richtig verstanden. Wenn Sie in der Nähe von Japan einen Schiffbruch hatten, wie sind Sie dann nach Neustadt gekommen?“
„Das ist eine lange Geschichte“ meinte eine andere Stimme aus der Dunkelheit.
„Die sind oft die Besten“ meinte Jinx dazu.
„So, Lise-san. Wir bitten Sie jetzt fünf Schritte nach vorne zu kommen und die Flasche vorzustellen.“
Lise folgte der Aufforderung und holte die Flasche aus ihrem Sportbeutel. Als sie das tat wurde sie kurz von dem Mondschein beleuchtet. Sie hörte Atemzüge voller Ehrfurcht und Verwunderung.
„Tatsächlich! Das ist sie. Das ist die Flasche!“ kamen aufgeregte Stimmen aus der Dunkelheit.
„Sie sind wirklich im Besitz einer unserer wertvollen Flaschen“ bestätigte eine Maus. „Leider können wir Ihnen kein Pfand für diese Flasche anbieten. Aber als Zeichen unserer Dankbarkeit würde jeder von uns Ihnen einen Wunsch erfüllen. Wäre das für Sie eine akzeptable Entschädigung?“
„Du könntest dir das Pfandgeld wünschen“ schlug Jinx scherzhaft vor.
„Was? Wirklich?“ fragte Lise skeptisch aber voller Hoffnung.
„Ja, wirklich. Was wünschen Sie sich, Lise-san?“
Lise dachte kurz nach.
„Dann wünsche ich mir die ganze Sammlung von Pocket Princess – ALLE! – inklusive Ophelia in lila. Und ich wünsche, dass mein Bruder Lukas nicht mehr da ist, um mich zu nerven. Ooh ja, das ist eine tolle Idee! Und dann… und dann… dann möchte ich gern eine echte Prinzessin sein. Ja, das würde es Angelika wirklich zeigen. Ja, das sind meine drei Wünsche!“
„Sehr wohl. Wenn Sie morgen früh aufwachen, werden ihre drei Wünsche erfüllt sein. Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe Lise-san und Jinx-san. Leben Sie beide wohl.“
„Ich danke Ihnen auch und hoffe, dass Sie Ihren Kaiser bald wieder finden“ antwortete Lise.
Sie legte die Flasche hin, drehte sich zu Jinx hin und die Beiden machten sich auf den Weg nach Hause. Zum Glück kamen sie wieder unbemerkt ins Haus. Lise sagte Jinx „Gute Nacht“ und ging sofort ins Bett – stolz, dass sie den Mäusen helfen konnte und gespannt, ob die Wünsche wirklich wahr werden wurden, aber doch sehr müde. Sie schlief schnell ein.
Die Sonne schien hell durch den Vorhang in Lises Zimmer am folgenden Morgen. Das hat sie geweckt. Durch halb geschlossene Augen konnte sie eine kleine Figur erkennen – es war eine Pocket Prinzessin. Nur, im Gegensatz zu anderen Pocket Princess Figuren war die Goldfarbe glänzend und nicht matt. Es war eindeutig eine Pocket Princess aber keine, die sie kannte. Sie setzte sich schnell auf und guckte unter den linken Fuß, wo der Name der Figur sonst immer zu finden ist. „Aurelia“ hieß sie. Sie war aus Porzellan, wurde handgemalt und ihr Schmuck und Krone wurden mit Blattgold hergestellt. Sie war wunderschön und Lise war völlig baff.
Nach dem ersten Staunen fiel ihr auf, dass sie gar nicht in ihrem eigenen Bett lag und dass sie ein hübsches weisses Nachhemd anhatte, statt ihres üblichen rosa Schlafanzugs. Die Tür ging auf.
„Eure Hohheit. Entschuldigt bitte die Störung aber Ihr habt viele Termine heute und Ihr müßt euch schnell anziehen und fertig machen.“ Ein Diener und ein Dienstmädchen kamen herein und begannen eilfertig für Ordnung im Zimmer zu sorgen.
„Wer sind Sie? Was für Termine? Wo sind Mama und Papa?“
„Ich fürchte, wir haben auch nicht genug Zeit, eure Spielchen zu spielen“ sagte der Diener. “Hier sind Eure Kleider. Eure Eltern befinden sich gerade auf Tour in Südafrika und treffen sich heute mit dem Premierminister in Pretoria. Ihr werdet später für den Nachmittag eingewiesen aber die Schule fängt schon in zwanzig Minuten an.“
In dem Moment fiel bei Lise der Groschen – sie war tatsächlich eine Prinzessin. Es kam ihr etwas komisch vor aber vielleicht würde sie sich daran gewöhnen. Sie schaute die Sachen an, die für sie ausgelegt worden waren.
„I! Was sind denn das für Sachen? Die sind doch viel zu steif und unpraktisch für die Schule. Was ist, wenn ich draußen spielen oder einen Baum klettern möchte. Bei so einem Kleid geht das gar nicht!“ stellte sie fest.
„Eure Hoheit, ich versichere Euch, dass die Gewänder für den Unterricht durchaus angemessen sind. Und falls Ihr die Notwendigkeit verspüren solltet, auf einen Baum klettern zu müssen, haben wir sicherlich Personal, das dies für Euch erledigen kann.“
Lise überlegte. Es fiel ihr sehr schwer, sich bedienen zu lassen. Andererseits müßte es bestimmt auch Vorteile geben. Sie gab sich erstmal zufrieden und zog das Kleid und die Sachen an.
„Wer bringt mich eigentlich zur Schule?“ fragte Lise, nachdem sie angezogen war.
Der Diener und das Dienstmädchen guckten sich verblüfft an.
„Frau Schulz müßte gleich hier sein. Sie wird Euch heute unterrichten. Ihr braucht nirgendwo hingehen.“
„He! Ohne Freundinnen ist Schule voll langweilig!
„Hmmm, ich glaube, ich muß das Thema ‚angemessene Ausdrucksweisen’ mit Frau Schulz besprechen… Lernen ist nicht immer einfach aber es ist immer nützlich und man kann Spaß dabei haben.“
„Macht Lukas wenigstens mit?“ fragte Lise.
„Lukas, Eure Hoheit?“ frage der Diener.
„Ja, mein Bruder… Lukas. Ungefähr so (zeigte sie mit der Hand) groß, elf Jahre alt, total nervig… Müssen Sie doch kennen.“
„Geht es Euch gut?“ fragte der Diener „Sie scheinen so müde zu sein und vielleicht etwas verwirrt. Ich diene Eurem Vater und Eurer Familie schon seit mehreren Jahren und bin noch nie einem Bruder begegnet, noch wurde einer erwähnt.“
Lise war kurz verblüfft, doch dann fiel es ihr ein. „Natürlich, der dritte Wunsch!“.
„Wie bitte?“ fragte der Diener.
„Nichts. War nur Spaß.“
„Sehr gut, Eure Hoheit. Also, wenn ich Euch bitten darf, bendet Eure Garderobe und dann könnt Ihr frühstücken.“
Der erste Vormittag verging schleppend und der Unterricht war anstrengend und ungewohnt. Sie würde viel lernen müssen, um alle ihre Aufgaben und Verpflichtungen richtig zu erfüllen. Ihr erster Termin sollte eine Sportveranstaltung am kommenden Samstagabend sein. Bis dahin mußte sie sich mit den Grundregeln vertraut machen und einigermaßen gut vorbereitet sein. Das Leben einer Prinzessin schien ihr gar nicht mehr so sorglos und einfach zu sein, wie sie sich eingebildet hatte.
Zu den normalen Schulfächern kamen auch noch Etikette, Sprechübungen, Umgang mit der Öffentlichkeit uvm. Es war sehr intensiv, zumal der Unterricht nicht von lustigen Kommentaren oder Dummheiten unterbrochen wurde und sie niemanden hatte, mit dem sie in den Pausen spielen oder quatschen konnte.
Auch wenn es kein Unterricht gab, konnte sie nicht einfach mit ihrem Bruder spielen oder zu einer Freundin gehen. Sie konnte nicht auf einen Spielplatz gehen und sich schmutzig machen – Dinge, die Lise sonst gerne machte – weil ‚feine kleine Mädchen sowas nicht machen’. Sie begann sich zu fragen, ob Prinzessin sein doch ganz ihr Ding war. Noch nicht mal Jinx war da, um sie zu trösten.
Der Samstag kam und sie wurde für die Sportveranstaltung eingewiesen. Sie mußte keine Rede halten aber sie wurde sehr nervös, als sie herausfand, welchen Preis sie verleihen würde: den für Fußballer des Jahres. Bei der Party vor der Preisverleihung wurden ihr einige der Stars und Kandidaten vorgestellt. Sie waren alle sehr nett zu ihr und wirkten wie ganz normale Menschen. Leider sagten Lise die Namen nichts, bis auf einen.
„Eure Hoheit, darf ich vorstellen…“
„Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Neetan Taidi, geboren: Osaka 20. Juli 1989, Größe: 1,79 m, Gewicht: 65 kilo, zweimal japanische Meister in der J-Junioren Liga, zweifacher Pokalsieger nachdem sie nach Europa gekommen sind und zweimal Fußballer des Jahres in der Bundesliga.“
„Ihr seid gut informiert“ behauptete ihr Gastgeber.
„Angenehm, eure Hoheit. Ich bin überrascht und fühle mich sehr geschmeichelt, dass Ihr so viel über mich wisst.“
„Naja ich habe ein Poster von Ihnen an meiner Wand zu Hause. Es ist nicht von mir, sondern noch von meinem…“ Dann fiel ihr ein, dass niemand in dieser Welt etwas von einem Bruder Lukas wußte. „Schade eigentlich“ dachte sie „Er wäre bestimmt ungekippt, wenn er wüßte, mit dem ich gerade spreche. Hi hi!“ Dann ging ihr auf, dass sie ihn mit dieser Information gar nicht neidisch machen könnte, wenn es ihn gar nicht gäbe.
Danach lernte sie weitere wichtige Leute kennen – so wurde ihr zumindest gesagt – aber eine richtige Party, wie sie sonst mit Familie und Freunden feiern würde, war es nicht. Sie spielten nicht Topfschlagen, Stopptanz oder ähnliches, und sie aßen nicht Chips oder Süßigkeiten. Lise mußte sich wie eine Prinzessin benehmen – nicht wie sie sich selber gern benehmen würde – und das war ziemlich anstrengend auf Dauer.
Etwas später kam es zu der eigentlichen Preisverleihung, bei der Lise nur die Trophäe übergeben sollte. Sie stand auf der Bühne mit hunderten von Sportlern, Journalisten, Prominenten und Fotografen vor ihr.
„Und der diesjährige Fußballer des Jahres ist…“ sagte der Moderator „Neetan Taidi!“
Alle klatschten und die Fotoapparate blitzten und klickten ununterbrochen. Lise stand auf, nahm die Trophäe und präsentierte sie dem Japaner. Gleichzeitig sollte sie ihm auch die Hand geben, was etwas schwierig war. Beide posierten für die versammelte Menschenmasse und die Presse. Unter dem Lärm erlaubte Lise sich eine leise Nebenbemerkung.
„Sieht aus wie eine der sieben Flaschen.“
„Wie bitte?“ fragte Taidi.
„Ach nichts… Ich habe nur festgestellt, dass die Trophäe so ähnlich aussieht, wie eine Flasche aus einer Geschichte, die ich neulich gehört habe.“
„Ihr kennt die Legende von den kaiserlichen Flaschen?“
Lise nickte und fügte hinzu „Und die Mäusekrieger.“
„Dann seid Ihr der einzige Mensch, den ich hier kenne, der diese Geschichte kennt. Wo ich herkomme ist es eine weit verbreitete Legende.“
Der Lärm von dem Klatschen und den Fotoapparaten ließ nach, so dass die beiden leiser werden mußten.
„Ist aber nicht nur eine Legende, sondern eine wahre…“
„Herzlichen Glückwunsch, Neetan! Dreimal in Folge Fußballer des Jahres. Wie fühlen Sie sich?“ übernahm der Moderator.
Damit waren Lises Verpflichtungen für den Abend erledigt. Als einziger Mensch, mit dem sie sich halberwegs wohl fühlte, wollte sie das Gespräch mit dem netten Fußballer weiterführen. Er war aber den ganzen Abend von Prominenten umzingelt. Als es spät wurde, wurde sie von ihrer Eskorte abgeholt und zurück zu ihrer Limousine begleitet.
Sie war kurz vor dem Ausgang, als plötzlich eine Stimme kam.
„Prinzessin Lise. Vielen Dank nochmal für die Verleihung der Trophäe – Ihr habt das sehr professionell und doch sehr persönlich gemacht. Als Dankeschön würde ich Euch gern zu unserem nächsten Heimspiel einladen. Ihr interessiert Euch für Fußball, oder?“
„Ja! Da komme ich sehr gern zu Ihnen. Vielen Dank!“
Lise bekam die Erlaubnis, zu dem Spiel hingehen zu dürfen. Nach dem Spiel nahm sich Neetan die Zeit, Lise herumzuführen. Am beeindruckendsten fand sie den Trophäenraum, in dem sich auch einige von Neetans Trophäen befanden. Eine davon sah wirklich genau aus wie eine Kaiserflasche.
Neetan war beeindruckt, wieviel Lise über die Geschichte wußte. Sie kämpfte mit sich, ob sie ihm die ganze Geschichte der letzten Tage erzählen sollte. Damit würde sie natürlich zugeben müssen, dass sie keine richtige Prinzessin sei. Gleichzeitig wäre sie erleichtet, überhaupt mit jemandem so offen und ehrlich reden zu können. Sie entschied sich, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen.
„Du denkst also, das ist eine von den kaiserlichen Flaschen?“ fragte er anschliessend.
„Ich weiß, es ist eine – schau mal, da sind die sieben Sterne! Die einzige Frage ist, wie wir die Flasche herausnehmen können ohne, dass es gemerkt wird.“
„Es ist aber garantiert keine. Alle Trophäen hier sind Kopien, das Original steht bei mir zuhause.“
„Dann müssen wir überhaupt nichts herausschmuggeln. Wärest du bereit, deine Trophäe abzugeben, wenn es den Mäusenkriegern und dem Kaiser helfen würde? Vielleicht würden sie dir auch einen Wunsch erfüllen?“
„Ehrlich gesagt bin ich etwas skeptisch, aber weil du so offen und ehrlich mit mir gewesen bist, vertraue ich dir. Du mußt also nur sagen, was ich für dich machen soll.“
Lise wußte selber nicht, was sie tun sollten aber es schien ihr sinnvoll zu sein, die Stelle neben der Bahnbrücke zu finden, wo sie und Jinx die Mäuse zuletzt gesehen hatten. Sie verabredete sich mit Neetan für den folgenden Abend. Sie mußten ziemlich lange suchen, um die richtige Eisenbahnbrücke zu finden, dann fanden sie auf Anhieb den Pfad, aber keine Spur von Mäusen oder Flaschen.
„Und nun?“ fragte Neetan.
„Tja, das weiß ich nicht. Das letzte Mal war Jinx mit mir und er hatte mich zu ihnen gebracht. Vielleicht könnten wir sie rufen. Mäuse? Liebe Mäuse? Wo seid ihr denn? Ich habe Neuigkeiten für Sie.“
Sie hörten sich nähernde Schritte. Pfoten kratzten und schnüffelten durch das Laub, doch es war nur ein Hund mit seinem Herrchen. Der Hund beschnupperte die Beiden. Herrchen sah sie verdächtig an, schuttelte den Kopf und ging weiter.
„Das scheint nicht zu helfen“ stellte Neetan fest. „Also dein Kater hat dich hierher gebracht aber die Mäuse waren schon hier. Richtig?“
„Richtig.“
„Und was hast du gemacht, damit Jinx mit dir gesprochen hat? War das auch ein Wunsch von dir?“
„Nein er meinte, Katzen können sowieso reden. Ich kann mich nicht genau erinnern. Wahrscheinlich habe ich die Flasche genauer angeguckt, vielleicht ein bißchen saubergemacht…“
„Na gut, dann probieren wir das auch.“ Neetan nahm die Flasche aus seiner Tasche und sie betrachteten sie eine Weile.
„Sie ist schon sauber“ sagte er. „Hast du vielleicht noch einen Zauberspruch gesagt. Was weiß ich, Abrakadabra oder so was?“
„Ich weiß echt nicht mehr“ mußte Lise zugeben. Dann überlegte sie „Nein, vielleicht war doch noch was – kein Zauberspruch, aber ein paar Zeilen aus einem Theaterstück: Wenn die sieben Sterne schimmern und vom Westen weht der Wind oder sowas.“
Neetan wiederholte den Spruch leise für sich. Dann verstummte er. Er lächelte, murmelte etwas auf japanisch vor sich hin, und fügte die letzten beiden Zeilen dazu und schmunzelte.
„Ja, das kenne ich. Es klingt wie ein alter japanischer Vers. Komm, wir sprechen das zusammen und putzen die Flasche gleichzeitig.“
Wenn die sieben Sterne schimmern
und vom Westen weht der Wind,
kommen die Milden und die Mächtigen
um zu dienen dem kleinen Kind.
Es raschelte im Gras.
„Hallo. Ist da jemand?“ fragte Neetan.
„Guten Abend, Lise-san, ich habe nicht erwartet, Sie so schnell wiederzusehen. Konbanwa, Taidi-san. Es ist wirklich eine große Ehre für uns, Sie begrüßen zu dürfen. Wie können wir Ihnen dienen?“ sagte der Sprecher der Mäuse aus der Dunkelheit.
„Ich glaube Herr Taidi hat eine weitere Flasche von Ihnen und er ist bereit, sie Ihnen zu übergeben, weil ihm Ihre Probleme bekannt sind und weil er ein sehr großzügiger und netter Mensch ist.“
„Das ist wirklich äußerst rücksichtsvoll von ihm. Sehr gern nehmen wir diese Flasche von ihm entgegen aber wir können auch ihm keine Entschädigung oder Pfand anbieten.“
„Aber vielleicht könnten Sie ihm einen Wunsch erfüllen, sowie Sie das für mich gemacht haben.“ antwortete Lise.
„In der Tat können wir ihm das anbieten. Zu viert sind wir so mächtig wie seit langem nicht. Was wünschen Sie sich, Taidi-san?“
„Mir ist es auch eine Ehre, Sie kennenzulernen und dem Kaiser Katsan dienen zu dürfen. Viele meiner Wünsche und Träume sind schon erfüllt worden, aber ich glaube, meine Begleiterin hätte gern einen weiteren Wunsch erfüllt, wenn sie noch einen frei hätte.“
Damit hatte Lise überhaupt nicht gerechnet.
„Was meinst du damit?“
„Von dem, was du mir erzählt hast. Du machst keinen glücklichen Eindruck als Prinzessin. Du sagst, dir fehlen deine Freunde, deine Eltern, deine Freizeit, dein Kater – sogar dein Bruder manchmal…“
„Shhh! Das war ein Geheimnis!“
„Ich denke, es macht dir Spaß, dich zu verkleiden, eine Rolle zu spielen. Aber am glücklichsten bist du bestimmt als du selbst – die echte, ehrliche, hilfsbereite Lise.“
„Stimmt das, Lise-san?“ fragte der Mausesprecher.
„Naja, was Neetan sagt ist… ziemlich wahr… I-i-i-ich bin Ihnen nicht undankbar aber… ehrlich gesagt… ja, ich möchte doch, dass alles wieder wie vorher wird.“
„Wenn das Ihr Wunsch ist, und Taidi-san damit einverstanden ist, wird morgen früh, wenn Sie aufstehen, alles wieder beim Alten sein.“
„Oh vielen, vielen Dank! Dir auch, Neetan.“
„Haben Sie auch vielen Dank, Lise-san und falls Sie noch eine Flasche von uns finden sollen, wissen Sie, wie Sie uns finden können.“
Am folgenden Morgen wurde Lise von leichten Abdrücken auf ihre Bettdecke geweckt und sie erkannte ein leises Schnurren.
„Jinxi!“ freute sie sich.
Jinx gab eine kurze Rückmeldung durch sein Zwinkern, sagte aber nichts. Sie streichelte ihn während er es sich bequem machte, dann schlief er ein.
Lise zog sich an und ging hinunter zum Frühstuck.
„Guten Morgen!“ grüsste sie ihre Mama, die gerade Kaffee kochte. Ihr Papa saß am Tisch und las.
„Morgen, Mama. Morgen, Papa.“
Ihr Papa blickte hinter der Zeitung hervor und sagte „Guten Morgen, Lise.“
Im Hintergrund klapperte es.
„Post ist da!“ rief Lukas und kam mit einem Umschlag in die Küche. Alles war wie früher.
Lukas legte den Umschlag auf den Tisch. Der Vater öffnete ihn.
„Sind sie es?“ fragte Lukas.
„Ja!“ antwortete Papa.
Es waren die Tickets für das Finalspiel – Neustadt gegen Union Bavaria, am gleichen Abend wie die Abschlussfeier in der Schule und das Theaterstück.
„Na toll“ dachte sich Lise enttäuscht. „Genau wie früher.“
In der Schule liefen die Vorbereitungen für die Abschlussfeier auf Hochtouren. Angelika konnte wie erwartet ihren Text nicht und die Spannung zwischen ihr und ihren Klassenkameraden hatte sich in Ärger umgewandelt. Lise fühlte sich bestätigt und wurde immer wieder von der Klasse gefragt und sogar von Angelika selbst, ob sie vielleicht doch die Rolle übernehmen würde, aber es war Lise irgendwie nicht mehr danach.
Königin Matilda konnte sie sehr überzeugend spielen aber zunehmend dachte sie auch, sie würde lieber zum Finale gehen, um Neetan wieder zu sehen. Sie dachte über das nach, was er über sie gesagt hatte. „Er hat mich ehrlich und hilfsbereit genannt“ dachte sie „Und er hat mir auch geholfen, obwohl er ein sehr beschäftigter Mann ist. Vielleicht sollte ich Angelika helfen, den Text zu lernen?“
In den letzten Tagen vor der Vorstellung klappte das ganze Theaterstück viel besser. Alle fühlten sich als Teil von etwas großem und schönen und gaben sich Mühe, ihre Rollen besonders gut zu lernen. Lise und Angelika verstanden sich wieder bestens. So gut, dass Angelika sogar zugegeben hatte, dass sie auf Lise neidisch war, weil die einen Bruder und sie selbst gar keine Geschwister hatte. „Den kannst du haben!“ sagte Lise. Dann erinnerte sie sich, wie es war, als er nicht da war und sie wurde ruhig. Trotzdem war sie enttäuscht, dass Lukas und ihr Vater lieber ein Fußballspiel sehen wollten, als sie in ihrem Theaterstück – gerade jetzt, wo alles so schön lief.
Am Abend vor der Abschlussfeier saß Lise mit ihrer Mama und ihrem Papa bei Kaffee und Kuchen, als Lukas völlig aufgeregt durch die Haustür kam.
„Habt ihr gehört? Das Spiel morgen mußte vertagt werden?“
„Was? Wie bitte? Wieso?“ fragte Papa, angesteckt von der Aufregung.
„Aus technischen Gründen heißt es offiziell. Aber Daniels Bruder sagt, er hat einen Kumpel, der Elektriker ist. Und er wurde beauftragt, die ganzen Kabel für die Flutlichtanlage zu ersetzen, weil sie auf einmal nicht funktioniert haben. Kaderbiß sagte er, oder sowas.“
„Ich glaube, du meinst ‚Marderbiß’. Das heißt, wenn kleine Tiere Sachen wie Kabel durchbeißen und so weiter“ korrigierte Papa.
„Dann könnt ihr doch zur Abschlußfeier kommen“ freute sich Lise „Und ich kann vielleicht mit zum Finale kommen.“
„Was? Du willst das Spiel mit ansehen?“ fragte Lukas überrascht.
„Naja, das Spiel vielleicht nicht, aber einen Spieler – dein Freund Taidi. Ich habe gehört, er ist wirklich was besonderes. Den möchte ich gern sehen.“
„Wenn wir noch eine Karte bekommen können, kannst du gern mit, Lise. Ich bin froh, dass das Spiel doch nicht am gleichen Abend ist wie deine Feier, weil wir dich dann auch anfeuern können.“
Die Abschlussfeier war ein großer Erfolg. Sie war gut besucht, obwohl – wie Lises Papa erfuhr – es wäre vielleicht anders gewesen, wenn das Finalspiel doch stattgefunden hätte. Scheinbar hatte es auch in anderen Familien kleine Streitereien gegeben, wo der Vater sich für das Spiel entschieden hatte und die Mama und das Schulkind entschieden was dagegen hatten.
Ein großes Highlight war natürlich die Klasse 2a mit ihrer Version von Prinzessin Penelope und die sieben Sterne. Trotz gelegentlicher Problemchen mit dem Text war Angelika überzeugend als Penelope. Die Eltern sagten alle wie schön sie war, lobten aber auch Lise als Matilda. Frau Schumann war überrascht, wie gut es lief aber gliechzeitig erleichtert, das es vorbei war. Sogar Lukas mußte zugeben, dass Lise gut gespielt hatte. Papa und Mama waren natürlich sehr stolz auf ihre Tochter.
Angelika traf Lise hinter der Bühne und bedankte sich für die Unterstützung beim Einstudieren des Stückes. Sie gab zu, einige Fehler mit dem Text gemacht zu haben und behauptete hochherzig, Lise wäre die bessere Prinzessin gewesen. Lise war anderer Meinung und sagte bewußt, sie sei miserabel als Prinzessin. Sie waren aber beide der Meinung, dass es schön war, dass sie sich wieder vertrugen.
Zwei Tage später ging Lise mit ihrer ganzen Familie zu dem historischen Pokal-Finale zwischen Neustadt und Union Bavaria. Da Lukas und Lises Vater ihre Neustadt Trikots anhatten, durfte Lisa das Taidi Trikot von Lukas tragen, was für missbilligende Blicke von den Fans um sie herum sorgte, aber das war ihr nicht so wichtig. Sie wollte nur immer, dass Taidi den Ball bekommen und endlich ein Tor schießen würde.
Die Neustädter spielten mit Leidenschaft und viel Einsatz. Sie verteidigten gut und das Spiel blieb lange torlos. Erst eine Viertelstunde vor dem Abpfiff erlebte eine Mannschaft den Durchbruch. Taidi schoß ein Welt-klasse Tor aus 35 Metern Entfernung. Die Neustädter Fans waren enttäuscht, wußten aber, dass sie gerade einen Geniestreich gesehen hatten.
Viele Neustadt Fans gaben die Hoffnung danach auf und verließen die Tribünen vorzeitig. Lise und ihre Familie hatten es nicht eilig und blieben bis zum Abpfiff. Wo die Tribüne geräumt war, hatten sie die Möglichkeit, herunterzugehen, um in der ersten Reihe zu sitzen. Es war dann eine große Überraschung, als die Sieger vorbei kamen, um sich feiern zu lassen.
Lukas rief nach allen Spielen, als sie vorbei liefen. Er hielt einen Stift hoch und rief „Autogramm! Bitte!“ aber sie ignorierten ihn alle – bis auf dem Torschützen. Neetan kam zu ihm und Lukas konnte kaum ein Laut von sich ergeben. Er war so mit scheuer Furcht erfüllt.
„S-s-s-s-super Tor, Neetan. K-k-k-k-könnte ich einen Autogramm bekommen?“ fragte er nervös.
„Ja, natürlich!“ sagte Neetan entspannt. Dabei sah er Lise an, die still neben Lukas stand und zwinkerte ihr zu. „Wie heißt du denn und wo soll ich unterschreiben?“ fragte er, als er den Stift nahm.
„L-Lukas. Am besten wäre mein Trikot aber meine Schwester trägt es gerade.“
Lukas gab Lise ein Zeichen, dass sie sich umdrehen sollte, damit Taidi auf dem Rücken vom Trikot schreiben konnte. Lise drehte sich um und beugte sich ein wenig nach vorn. Neetan fing an zu schreiben und las laut vor:
„Alles Gute Lukas und Lise, euer Neetan!“ Er gab den Stift zurück, wünschte alles Gute, lief weg und holte den Rest der Mannschaft ein. Lukas war hin und weg. Dann fiel ihm auf.
„Moment. Er hat für uns beide unterschrieben aber woher wußte er, wie du heißt?“
„Das ist eine lange Geschichte“ lächelte Lise.